Gastro Kritik Zeitschrift Active Live

«Rössli» in meisterhafter Schlichtheit


Was der Gast im «Gasthof Rössli» in Dürrenast direkt an Thuns Ortsgrenze auf keinen Fall erwarten darf: Glamour, Glitzer, bunte Lichter und goldene Kronleuchter. Auch stehen auf den Tischen keine silbernen Kerzenhalter und ebenso wird auf Blumenschmuck verzichtet. Was aber der Gast an selbiger Stelle mit Sicherheit erwarten darf: eine ehrliche, unverfälschte Küche und einen freundlichen, leistungsstarken Service.

Ambiente

Dieser Betrieb «täuscht» bereits auf den ersten Blick und dies durchaus im positiven Sinne. Schlichte, einfache Einrichtung, die Tische aufgereiht im Stile der kubusartig angeordneten Bahnhofshallen früherer Jahrzehnte, nirgendwo auch nur die Spur eines Schnickschnacks, der Gäste anlocken soll unter Verzicht auf günstige Preise und adäquater Dienstleistung. Dafür aber ein «Herzliches Willkommen» seitens der enorm liebenswürdig auftretenden Servier- und Buffetpersonal, die dem Eintretenden zeigen, wie Von bescheidenem architektonischen Reiz, aber die gute Küche und der aufmerksame Service machen dies leicht wett. «Rössli» in meisterhafter Schlichtheit gern gesehen er an Ort und Stelle ist. Der Betrieb verfügt nebst dem rund 60-plätzigen Hauptrestaurant über einen Wintergarten mit 44, einen zusätzlichen Speisesaal mit 28 und drei Säle zwischen 24 und 150 Plätzen. Hervorzuheben sei vielleicht noch der Umstand, dass der Gesamtkomplex auf allen Ebenen behindertengerecht eingerichtet ist. Vorbildlich!

Stil und Ausrichtung

Gleich etwas zum Schmunzeln: In seiner Werbeschrift preist sich das Lokal unter anderem wie folgt an: Gasthaus – Gasthof – Pizzeria und Restaurant. Spezialitäten: Cordon bleu – Fisch – Pasta – Salatbuffet – Rösti – Sandwiches – Vegetarisches und Wild. Also eine Art vollumfassende Bedarfsdeckung aller möglichen kulinarischen Stilrichtungen und in gleicher Art und Weise geht es weiter. Die Küche sei gleichzeitig bürgerlich, international, italienisch und schweizerisch. Man ahnt nachgerade, wie nun dieser oder jener echte oder selbsternannte Gourmet die Nase rümpft unterm Argument, eine solche Vielfalt der Kulinarik gebündelt auf ein einziges Unternehmen sei nicht möglich. Wir aber sagen: es ist möglich, denn wir haben es getestet. An zwei verschiedenen Tagen «futterten» wir uns, beim ersten Mal inkognito, quer durch das riesige Kartenangebot und wurden kein einziges Mal enttäuscht. Essen Widmen wir uns in der Folge jenen drei Gerichten, die wir am zweiten Testtag konsumierten. Wir begannen mit einer Vorspeise, die in wahrhaft unterschiedlicher Zubereitungsart und leider auch diverser Qualität im ganzen Land zu finden ist: «Beefsteak Tatar hausgemacht, mit Zwiebeln und Buttertoast». Wir waren skeptisch angesichts all der übrigen Schlichtheit und des kulinarischen Überangebotes ringsum in Stil und Aufmachung und wurden völlig überrascht. Diese Vorspeise zu bescheidenen Franken 19.50 erwies sich als ausgezeichnet abgeschmeckt und mundete hervorragend. Zubereitet wardas «Tatar» nach traditioneller Machart: feinstes Olivenöl, frisches Eigelb, ein Schuss Cognac, Schalotten, Essiggurken, Kapern, Petersilie und etwas scharfer Senf. Dazu eine Prise Paprika. Herrlich! Weiter zum Hauptgang: Hierbei übten wir uns in gewollter Bescheidenheit und orderten eine kleine Portion «Egli Knusperli mit Sauce Tatare» für ebenfalls bezahlbare Franken 21.50. Erneut fiel uns auf, mit welchen einfachen Mitteln der Präsentation hier gearbeitet wurde, was aber absolut nicht als Minuspunkt oder Abstrich zu definieren ist. Die Küche des «Rössli» hielt sich konsequent an seine übrige konzeptionelle Doktrin des Hauses. Will heissen, kein Firlefanz, konzentriert nur auf den reinen Essensgenuss mittels Frische im Produkt. Einer Überzeugung, der wir ohne weiteres nachleben können. Gerne verzichten wir auf Hibiskusblüten auf dem Wurstsalat oder Rosenblätter als Schnitzel-Dekoration, wie es Gott sei’s geklagt heutzutage vermehrt zum Usus wird. In abschliessender Einfachheit natürlich auch das «Dessert» in Form eines reichhaltigen Käsetellers für Franken 8.50, der keine Wünsche offen liess. So weit zur Küchenleistung, über die wir wiederum im durchaus guten Sinne kein weiteres Wort zusätzlich verschwenden müssen: Gut, einfach, wohlschmeckend und zu Preisen, über die man lobend im Sinne nur noch staunen kann in Relation zur hochstehenden Essensqualität.

Trinken

Nun liegt es aber in der Natur der Sache und einer fundierten Gastrobewertung, dass auch die negativen Aspekte zur Wertung gelangen, so sie denn vorhanden. Was zu folgendem Punkt leider der Fall ist respektive war: Die beiden von uns bestellten und vom überaus freundlichen Servierpersonal an den Tisch gebrachten Weine – ein weisser, ein roter – waren von Grund auf völlig falsch temperiert. Das zur Vorspeise genossene Glas «Chablais AOC Artisans Vignerons», der Deziliter zu unglaublich günstigen Franken 3,80, war leider das Geld nicht wert. Warum? Weil der Wein zwar von hervorragender Qualität war, jedoch fälschlicherweise wie ein Cognac VSOP serviert wurde – nämlich handwarm. Auch als wir ein zweites Glas orderten, kam dies in selber Temperatur an den Tisch. Dem setzte man noch gar eins drauf bei nachfolgender Weinbestellung: «Ein halber Liter Amarone Villa Angelo», der wunderbar nach getrockneten Früchten schmeckte und einen seidig-geschmeidigen Abgang aufwies. Auch dieser Spitzenwein kam lauwarm einher, in etwa so, wie früher die Engländer ihr Bier servierten. Was umso enttäuschender war, als wir im Vorfeld explizit darum gebeten hatten, den Wein, roten hin oder her, kurz im Kühlschrank (nicht Eisschrank natürlich) vorzutemperieren. Der Wein kam warm… Etwas frustriert baten wir um Eiswürfel, fügten sie als «Akt purster Sünde» dem Wein bei, konnten ihn so aber, als völlig verwässertes Produkt, wenigstens trinken. Nochmals: schade! Unterm Strich jedoch gilt und dies mit Nachdruck: Der «Gasthof Rössli» im heimeligen Dürrenast bei Thun ist trotz allem eine

ausgezeichnete Feinschmeckeradresse. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall!


Charly Pichler pic@zehnder.ch active Live

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Kommentare: 1
  • #1

    Zaugg Fred und Ruth (Dienstag, 17 Januar 2017 11:29)

    Waehrend unseren Ferien im Roessli waren wir durchwegs zufrieden. Heimeliges Zimmer und ausgezeichnetes Essen. Sehr gastfreundliches Team.